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Zwischen Vaduz und Washington: Ein Blick in Martins Arbeit als erster IMF‑Advisor Liechtensteins

05. Februar 2026

Aktuell leistet Martin ein einjähriges Secondment im Office of the Executive Director beim International Monetary Fund in Washington, D.C. Liechtenstein gehört seit dem 21. Oktober 2024 als 191. Mitglied dem IWF an, und Martin nimmt als erster Advisor diese Repräsentationsaufgabe wahr. 

Interview (schriftlich geführt): Lucia Kind

 

Du bist bereits seit sechs Monaten als erster Advisor Liechtensteins beim IMF tätig. Was hat dich motiviert, dieses Secondment anzunehmen?

Mich hat vor allem interessiert, nach der Mitarbeit an der Vorbereitung der IWF-Mitgliedschaft Liechtensteins nun auch zu sehen, wie diese in der täglichen Praxis tatsächlich funktioniert. Es ist spannend mitzuerleben, wie Entscheidungen zustande kommen und wie sich die Perspektive einer kleinen, sehr offenen Volkswirtschaft in einer grossen Organisation mit vielen, teils sehr unterschiedlichen, Ländern einbringen lässt.

Besonders schätze ich auch, wieder enger mit Kolleginnen und Kollegen ausserhalb Europas zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig ist die politische Dimension der Arbeit beim IWF sehr präsent: Viele der aktuellen globalen Spannungen und Umbrüche finden sich – zumindest in Teilen – auch in den Diskussionen im Executive Board wieder.

Nicht zuletzt ist es auch persönlich eine bereichernde Erfahrung, in Washington in einer Phase grosser Veränderungen zu leben und nach rund sieben Jahren bei der FMA bewusst wieder einmal etwas Neues zu machen.

 

Wie hast du dich auf die Aufgabe als Advisor für Liechtenstein vorbereitet?

Die Vorbereitung war insgesamt recht vielseitig. Die Mitarbeit am Bericht und Antrag zum Beitritt Liechtensteins zum IWF hat sicher wesentlich dazu beigetragen, ein gutes Verständnis für den Fonds, seine Rolle und seine Prozesse zu entwickeln – also dafür, was der IWF eigentlich macht und wie seine Arbeit konkret organisiert ist.

Zusätzlich hatte ich die Möglichkeit, im Vorfeld der Spring Meetings 2025 einen zweiwöchigen Aufenthalt im Executive Board Office zu absolvieren, in dem Liechtenstein vertreten ist. Das war eine sehr gute Gelegenheit, meine zukünftigen Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen und ein Gefühl für die Arbeitsweise im Board-Alltag zu bekommen.

Ergänzend dazu konnte ich – auf Basis einer Vereinbarung zwischen der Schweiz und Liechtenstein – je einen Monat beim SIF in Bern sowie bei der SNB in Zürich in den für IWF-Fragen zuständigen Teams mitarbeiten. Dadurch habe ich meine Schweizer Counterparts, ihre Prioritäten, Arbeitsweisen und auch sie persönlich gut kennengelernt, was die Zusammenarbeit heute deutlich erleichtert.

Und ganz wichtig: Ich habe mir einen ausreichenden Vorrat an Aromat zugelegt, um auch in den USA kulinarisch über die Runden zu kommen.

 

"Überraschend war für mich auch, wie stark sich die USA seit meinem letzten längeren Aufenthalt im Jahr 2018 verändert haben – gesellschaftlich, politisch, aber auch im Alltag."

 

Wie sieht dein typischer Arbeitstag aus, seit du deinen Bürostuhl in Vaduz gegen einen in Washington getauscht hast?

Mein Arbeitstag beginnt meist gegen 8 Uhr im Büro – eher auf der frühen Seite im Vergleich zu vielen Kolleginnen und Kollegen. Am Morgen starte ich oft mit dem Review der sogenannten „Grays“, also Positionspapieren anderer Stimmrechtsgruppen zu Themen, die in den nächsten Tagen im Executive Board behandelt werden.

Danach arbeite ich mich in die Themen ein, die ich im Board betreue: Länderberichte aus den Artikel-IV-Konsultationen, Kreditanträge von Mitgliedsländern, Berichte zu laufenden Programmen mit weiteren Auszahlungen, aber auch Analysen zur globalen und regionalen Wirtschaftslage sowie thematische Berichte zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen. Auf dieser Basis erarbeiten wir die Position unserer Stimmrechtsgruppe, teilweise gestützt auf Inputs aus den Hauptstädten. Ein wichtiger Teil davon ist auch der informelle Abgleich mit gleichgesinnten Stimmrechtsgruppen – üblicherweise bei einem Kaffee in der Cafeteria.

Die Board-Sitzungen selbst sind über den ganzen Tag verteilt. Im Schnitt finden täglich rund zwei Sitzungen des Executive Boards statt, an denen wir als Team abwechselnd teilnehmen und unsere Positionen einbringen. Dazwischen bleibt Zeit für inhaltliche Arbeit, kurze Abstimmungen im Team und – nicht zu vergessen – das Mittagessen mit Kolleginnen und Kollegen in der IWF- oder Weltbank-Cafeteria.

Der Arbeitstag endet meist zwischen 17 und 18 Uhr, oft mit einem Telefonat nach Hause. Dazu kommen regelmässig auch informelle und soziale Anlässe – beim IWF, mit anderen Advisors oder im Rahmen von Veranstaltungen der liechtensteinischen Botschaft.

 

Gab es bisher ein Highlight oder einen Moment, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ein ganz besonderer Moment war sicher, als ich erstmals ein verbales Statement eines Liechtensteiners im Executive Board des IWF abgeben durfte – zu einem Länderbericht zu Timor-Leste.

Ebenfalls in Erinnerung bleiben wird mir die Betreuung der liechtensteinischen Delegation bei den Frühjahrestreffen des IWF. Diese Treffen sind inhaltlich intensiv, aber auch ein wichtiger Moment der Sichtbarkeit und Vernetzung für Liechtenstein auf internationaler Ebene. Am Abend darf das Bier mit der Delegation aber nicht fehlen.

Und dann gab es noch einen eher persönlichen Höhepunkt: der Besuch der Managing Director des IWF in Liechtenstein, inklusive der Termine bei der Regierungschefin und beim Erbprinzen. Als kleines Bonus-Highlight habe ich es dabei irgendwie geschafft, mit meinem Auto ins Schloss Vaduz hineinfahren zu dürfen – das passiert auch nicht alle Tage.

 

 

„Das Secondment erleichtert die Zusammenarbeit Liechtensteins mit dem IWF, weil wir nun sehr genau wissen, wie der Fonds ‚tickt‘.“

 

Was war die grösste Überraschung im Secondment – positiv oder herausfordernd?

Die grösste Überraschung war wohl, wie viel es neben der eigentlichen Arbeit in einer neuen Stadt zu lernen gibt. Vom Einkaufen über den öffentlichen Verkehr, Sportmöglichkeiten und Abfalltrennung bis hin zu sehr praktischen Fragen – etwa warum meine Unterkunft beim Einzug zunächst kein fliessendes Wasser hatte. Solche Dinge beschäftigen einen am Anfang mehr, als man erwartet.

Überraschend war für mich auch, wie stark sich die USA seit meinem letzten längeren Aufenthalt im Jahr 2018 verändert haben – gesellschaftlich, politisch, aber auch im Alltag. Ereignisse, die früher weit weg wirkten, kommen einem hier teilweise sehr nahe: So wurden vor einigen Wochen unweit des IWF-Gebäudes zwei Angehörige der Nationalgarde erschossen.

Gleichzeitig habe ich Washington, D.C. als deutlich gemütlicher und fast schon „kleinstädtisch“ erlebt, ganz anders, als man es sich von aussen oft vorstellt.

Man lernt hier auch schnell, dass irgendwo eigentlich immer ein Helikopter unterwegs ist – und dass die Rolle als „Postbote“ für Kolleginnen und Kollegen mit Importwünschen aus den USA sehr gefragt ist.

 

Wie wird das Secondment deine zukünftige berufliche Arbeit beeinflussen?

Das Secondment wird meine zukünftige Arbeit in mehrfacher Hinsicht prägen. Vor allem wird es die Zusammenarbeit Liechtensteins mit dem IWF erleichtern, weil wir nun sehr genau wissen, wie der Fonds „tickt“ und wie man Themen in der Sprache und Logik des IWF adressiert. Das macht Abstimmungen effizienter und zielgerichteter.

Gleichzeitig bin ich heute deutlich besser international vernetzt – insbesondere auch mit dem Schweizer Finanzministerium und der SNB –, was für die künftige Zusammenarbeit im IWF-Kontext ein klarer Mehrwert ist.

Martin Meier, Spezialist Makroprudenzielle Aufsicht, Finanzstabilität

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Meine Haupttätigkeit ist das analysieren und bewerten von makroökonomischen Entwicklungen und Trends, das Erstellen von periodischen makroökonomischen Reports und Berichten, die Kalibrierung makroprudenzieller Instrumente sowie das Vertreten Liechtensteins bei externen Gremien. Dies ist insoweit wichtig da der FMA in Liechtenstein bestimmte, im Bereich der Sicherung der Finanzstabilität, Zentralbankaufgaben zufallen.

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